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PRO JUSTIZ e. V.

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Das elektronische Messinstrument Scoring -

Segen oder Fluch für die Gesellschaft?

Die erfolgreiche Reihe der Diskussionsveranstaltungen von Pro Justiz e.V. in Zusammenarbeit mit dem Münchener Anwaltverein e.V.  wurde 2009 mit interessanten Vorträgen fortgesetzt. Zur Auftaktveranstaltung 2009 luden die beiden Veranstalter gemeinsam mit der Münchener Juristischen Gesellschaft e.V. zu einem Vortrag von Prof. Dr. Ralf-Bernd Abel ein, zu dessen Spezialgebiet Datenschutz im Wirtschaftsrecht gehört. Sein Thema Scoring betrifft jeden von uns. Als vollautomatisiertes Prognose- und Selektionsinstrument im Wirtschaftsalltag wirft das Scoring eine Fülle ungelöster rechtlicher Probleme auf.

Einführung in das Thema Scoring

Was ist Scoring? Fragen wir einen Wirtschaftsfachmann, so wird er uns antworten: ein statistisches Managementwerkzeug, mit dem Leistungskennzahlen für die Bewertung von Dienstleistungen und Produkten bis hin zu der eines ganzen Betriebes ermittelt werden. Er wird uns hierbei auf die sogenannte Balanced Score Card verweisen.

Wenden wir uns verwirrt durch so viel Wirtschaftschinesisch hilfesuchend an das Duden-Wörterbuch der New Economy, finden wir unter dem eingedeutschten Stichwort „scoren“ eine etwas leichter verständliche Erklärung: „[zu englisch: to score = Punkte erzielen oder punkten] Normalerweise scort man bei Computerspielen, wo jeder Treffer Punkte einbringt. Wer am besten scort, hat gewonnen...“.

Scoring ist danach ein Mittel, bei strategischen Spielen den sog. Winner zu ermitteln. Um die beiden scheinbar unterschiedlichen Erklärungen auf einen Nenner zu bringen, ziehen wir schließlich noch das dtv Wörterbuch zur Psychologie zu Rate. Zum Stichwort „score“ heißt es dort lapidar: „ Aus dem Englischen übernommene Bezeichnung für den zahlenmäßigen Ausdruck einer Leistung (auch Schulnote) im Experiment oder Test (Synonym: Maßzahl)“.

Das Scoring ist daher eine statistische Methode, mit deren Hilfe Personen, Gegenstände oder Ereignisse, d.h. Einzelfälle mit bestimmten, jedoch untereinander kontinuierlich variierenden Eigenschaften in eine quantitative Rangordnung (englisch: ranking) gebracht und bewertet werden können (Statistikkurve, Punktetabelle). Wird das wahrscheinliche Verhalten von Eigenschaften über einen gewissen Zeitraum beobachtet und bewertet, spricht man von Prognose. Da es sich hierbei um ein Wahrscheinlichkeitsurteil über eine Menge von Fällen handelt, ist keine sichere Aussage darüber möglich, wie sich ein Einzelfall aus der Menge verhalten wird, d.h. ob etwa eine bestimmte Sache früher oder später kaputt gehen wird

Im Geschäftsleben ist es heute allgemein üblich, mit computergestützten Scoringsystemen das Bonitäts-, Erkrankungs-, Unfallrisiko usf. bei der Geschäftsanbahnung zu messen und damit die guten von den schlechten, d.h. den riskanten Kunden zu selektieren. Bei schlechten  Prognosen werden die Kunden entweder ganz ausgeschlossen oder bei der Entgeltfeststellung mit sog. Mali bestraft, die guten Kunden werden dagegen mit Boni belohnt. Rechtsstaatlich äußerst bedenklich ist es, dass die Kunden beim Scoring auf die Festlegung der Grenze, von der ihre Einstufung als guter oder schlechter Kunde abhängt, keinerlei Einfluss haben, nicht einmal durch ihr Verhalten. Es besteht noch nicht einmal ein Anspruch auf Offenlegung des Rechenverfahrens, das ihre Selektion vornimmt. Die Durchsetzung einer Ausnahmebehandlung ist kaum möglich. Die Grenzziehung zwischen guten und schlechten Kunden ergibt sich nicht aus einer Berechnung, sondern sie ist nur ein subjektives und daher unsicheres Werturteil aufgrund einer Schätzung (englisch: rating). Wo die Grenzlinie vom Unternehmer gezogen wird, hängt von seiner Risikobereitschaft ab. Wie fehlerhaft Ratingurteile sein können, zeigt das weltweite Versagen der Ratingagenturen im Finanzdienstleistungssektor. Die Ratingagenturen waren bekanntlich nicht in der Lage, die Erfolgsaussichten der Finanzprodukte (Wertpapiere) richtig zu prognostizieren. Das Ergebnis ist die globale Finanzkrise. Die Unternehmer erheben entweder selbst Kundendaten und ermitteln mit statistischen Methoden die wahrscheinlichen Risiken oder sie kaufen sich in der Regel von sog. Marktforschungsunternehmen (Researcher) Risikoprofile samt Computerprogrammen. Die mit Hilfe von Fragebogen gewonnenen Kundendaten werden in den Computer eingespeist, das Scoringprogramm selektiert sodann automatisch den Kunden nach seiner Güte. Eine tiefergehende Einzeluntersuchung findet nur selten statt.

Während das Scoring für die Unternehmerschaft nur Vorteile zu bieten scheint:

            - Minimierung unternehmerischer Risiken

            - Kostenreduktion

            - Vereinfachung der Geschäftsprozesse bei der Geschäftsanbahnung

            - Optimierung der Werbung nach dem Muster  eines Gewinnspiels,

 

stehen für den Kunden erhebliche Nachteile im Vordergrund:

           - Behandlung als statistische Größe

            - Schematisierung der autonomen Person zum typisierten Fall

            - Degradierung der Person zu  einem nach operativen Regeln zu behandelnden  Element in einem technischen System

            Von den Kulturwissenschaftlern wird das Scoring daher zu Recht bei den Sozialtechnologien (Social Engineering) eingeordnet.

Da heute noch keine allgemeine Zertifizierungspflicht für Scoringprogramme besteht, kann der Kunde nie sicher sein, ob er nicht nach willkürlichen Kriterien gescort wird. Einen Anspruch auf Überprüfung des Scoreverfahrens hat der Kunde derzeit nicht.

Der Gesetzgeber hat erkannt, dass der bestehende Rechtszustand höchst unbefriedigend ist. Er hat daher einen Gesetzentwurf zur Ergänzung des Bundesdatenschutzgesetzes eingebracht, durch den die Anwendung korrekter Scoringverfahren vorgeschrieben wird. Der Kunde soll zudem einen Auskunftsanspruch gegenüber dem Scoringanwender erhalten. Der Gesetzentwurf hat einen Sturm der Entrüstung in der Wirtschaft hervorgerufen.

Dr. Jürgen Keltsch
Richter am BayObLG a.D.,